Seit dem 7.04.2006

Letzte Aktualisierung am 05.01.2018

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ein Bericht von Katja Lübker

In Saboba trennt sich unsere Gruppe, wir wollen direkt nach Norden, über Tamale nach Najong und Bolgatanga. Am Karfreitag nach dem Gottesdienst fahren wir von Saboba nach Tamale. In Yendi ist Fahrzeug- und Fahrerwechsel. In beiden Fällen das komplette Kontrastprogramm - ohne jegliche Wertung, ehrlich. Aus einem bequemen, wenn auch nicht klimatisierten Kleinbus in ein eisgekühltes Pickup mit einer sehr großen Ladepritsche – man merkt das wenn man drin sitzt.
Der Fahrerwechsel ist ähnlich atemberaubend. Vorher Cephas, Berufsfahrer, die Ruhe selbst und schweigsam, jetzt Mr. Madugu, Schulrat des UNP, daher auch viel im Auto unterwegs, mit Neugier und höchst mitteilsam. Mr. Madugu ist die personifizierte Autorität und setzt diese auch gezielt, ständig und überall ein.

Secondary School in Saboba

Seine Heimatgemeinde in Tamale ist im Gegensatz zu den Dorfgemeinden die wir bisher kennen gelernt haben nicht arm. Das Kirchengebäude ist groß, in ordentlichem Zustand, mit relativ viel technischem Schnickschnack ausgestattet und voll mit Gemeindegliedern. Diese unterscheiden sich irgendwie von ihren Schwestern und Brüdern auf dem Land. Die Stadtgemeinde wirkt mondäner, ist das bei uns auch so?
Zum Abendbrot gibt es Rindergulasch, Kartoffeln, Erbsen und Möhren, alles aus der Dose, dazu Wein aus dem Tetrapack und all das wahrscheinlich für ein halbes Vermögen. Egal, Mr. Madugu hat es nicht wirklich geschmeckt, uns aber! Wir haben insgesamt überhaupt keinen Grund, uns an irgendeiner Stelle über unzureichendes oder schlechtes Essen zu beklagen. Der Speiseplan war überall vollständig auf uns abgestimmt, es gab die einheimische Kost aber richtig scharf war es nirgends.

von Bolgatanga nach Najong

In Bolgatanga, wo man meinte wirklich weit weg zu sein, gab es sogar Pizza. Das ist aber nur ein winziger Teil dessen was diese Gemeinde attraktiv macht. Auch hier gibt es gute Gespräche mit einer rührigen Kirchenführung. Das Kirchengebäude selbst ist fertig, der Kindergarten fast und die Grundschule ist in Planung. Die baulichen und finanziellen Pläne erscheinen durchdacht und auch hier wird unser Geld nicht dem Wüstenwind übergeben. Die Wüste ist hier schon sehr nahe, es ist sehr heiß, die Obstbäume werden von Affenbrotbäumen, Mahagoni- und Kapokbäumen abgelöst.
Die Hitze hat keinerlei Auswirkung auf die Agilität und die Visionen der Menschen hier. Man denkt über den Aufbau einer alternativen Versorgung der Alten nach, die nicht in ihren Familien bleiben können. Die Gründe für die Notwendigkeit dieser Einrichtungen sind vielfach identisch mit denen bei uns. Das ist das Projekt für Susanne.
Gleichzeitig braucht man gezielte und geordnete Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche. Gezielt heißt den Gegebenheiten angepasst und nicht zu allgemein, so dass auch die jungen Menschen im Norden bleiben. Das ist das größte Problem dieser wunderschönen Gegend: Die Abwanderung in den interessanteren Süden. (Versteh ich nicht!) Das Ausbildungszentrum ist das Projekt für mich. Wir denken nicht-öffentlich daran herum.
 

Aus diesen letzten Zeilen wird klar, dass mich dieser Landstrich stark beschäftigt. Der hauptsächliche Grund dafür ist der Besuch in der Gemeinde Najong. Bilderbuchafrika: Rundhütten aus Lehm mit Grasdach, rote Erde die im Sonnenuntergang glüht, die Weite des Nachthimmels mit Sternen die man anfassen kann und Menschen die herzlich sind, die auch ohne fließend Wasser und Strom ihren täglichen Verrichtungen nachkommen. Soweit die Romantik.
Das harte Leben dort, in dem der Pfarrer noch die Narben seines Stammes im Gesicht trägt, ringt mir Hochachtung ab.

Wir sind eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei. Die Begrüßung ist bunt mit Gesang von ghanaischer und deutscher Seite und mit einem Fruchtbarkeitstanz nur von ghanaischer Seite. Wir sind beim besten Willen nicht in der Lage, unsere Hüften so schnell zu bewegen.

Dann wird der Rundgang durch das Dorf gemacht. Er führt zunächst in den Compound, d.h. die Rundhütteanlage des Pfarrers und seiner Großfamilie. Besagte Rundhütten, sehr geräumig auf blank poliertem Beton, peinlich sauber gefegt. Eine Küchenhütte, eine Waschhütte, also eine Hütte mit Waschschüssel als Möblierung, eine Toilettenhütte, gleiche Ausstattung wie die Waschhütte nur ohne Schüssel dafür mit Loch am Boden in der hinteren Wand (unsere Ausscheidungen trocknen in der Hitze in Null Komma Nichts und werden sofort weggefegt), und die Schlaf- und Wohnhütten. Es gibt genug Extremtouristen, die ein Heidengeld dafür bezahlen würden, wenn sie ein paar Nächte in dieser Atmosphäre verbringen könnten um am Tage z.B. auf Schlangensafari zu gehen. Eine Geschäftsidee?!

Eine Solaranlage könnte im Compound für Strom sorgen, wenn sie gewartet würde. Ein Manko auf das wir deutlich hingewiesen haben. Generell habe ich in vielen Gemeinden den Eindruck, dass alles was mit Mechanik zu tun hat relativ sicher gewartet und immer wieder repariert werden kann. Beim Umgang mit Elektrik sieht das anders aus. Die Kirchenleitung sieht das Problem, wir harren der Lösung.

Auch die Gemeinde in Najong ist sehr dynamisch. Die Steine für den Kirchbau sind gefertigt, sie werden jetzt verbaut. Für Dach und Möblierung sind Mittel beantragt. Der Neubau eines Pfarrhauses, das gleichzeitig immer als Gemeindehaus dient wird derzeit als Schule benutzt. Im Unterricht teilen sich vier Schülerinnen und Schüler einen Quadratmeter Grundfläche, der Lehrer klebt vorne an der Wand. Irgendwie geht es. Das gilt auch für den Kindergarten, der in einer Art altem Speicher untergebracht ist, ein Haus ohne Fenster mit einer großen Tür im vorderen Raum. Das Leben spielt sich in dieser Klimazone viel draußen ab, vorzugsweise im Schatten. Melanie hat aus ihrem Kindergarten und einigen privaten Plüschtiersammlungen Spielzeug mitgebracht.
Für die absolute Begeisterung sorgt eine blonde Puppe mit weißer Hautfarbe. Fette Plüschziegen und Affen mit Bekleidung bringen auch gesetzte ältere Herren zum Lachen. Insgesamt sind so viele Kinder glücklich: die ghanaischen über komisches Spielzeug aus Lippe und die lippischen über ihre Möglichkeit Geschenke zu machen. Abgeben und Annehmen ohne Verpflichtungsgefühl, ohne das es weh tut, wir sollten mal wieder zu den Kindern schauen!

Wir schweigen so viel es geht auf dem Weg zurück nach Bolgatanga. Der Besuch in Najong lässt uns alle schlucken. Vor Glück, vor Rührung, vor Ohnmacht, vor Wehmut, wahrscheinlich von allem etwas. Es hat in uns etwas bewegt, Gedanken und Dinge sind im Fluss. Das ist gut, das tut gut.

Wieder in Tamale. Wir haben uns im katholischen Gästehaus als Gesamtreisegruppe wieder und erzählen beim Bier. Der letzte österliche Gottesdienst zeigt seine Nachwirkungen, er war mächtig eindrücklich: Eine Band spielt, nein sie rockt, der Chor singt mit viel Seele und die Gemeinde macht mit.

Hier ist Leben! Die Menschen singen und tanzen, es sprühen Funken, alle freuen sich an ihren Stimmen und an der Beweglichkeit ihrer Körper. Wir sind hundemüde, lassen uns ein letztes Mal mit afrikanischen Gewändern verkleiden und können uns dem Geist in dieser Kirche nicht entziehen. Was für ein Osterfest!

Katja Lübker

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